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Erleuchtung über Immenstadt
8. August 2009
Augsburger Allgemeine – Wochenend Journal, Samstag 8. August 2009
Religion – 3000 junge Buddhisten meditieren derzeit im Allgäu beim größten deutschen Sommercamp dieser Art. Auch die Einheimischen können sich dem Reiz nicht entziehen: “Das sind aufgeschlossene Leut’”
Von Volker Linder
Georg Riesenegger ist begeistert. “Aufgeschlossene Leut’”, sagt er, doch das scheint ihm des Lobes nicht genug. Er berichtigt sich und konstatiert: “Auffallend aufgeschlossene Leut’”. Als müsse er seine Behauptung beweisen, schwenkt das gestandene Mannsbild in schmucker Allgäuer Tracht seine Flasche naturtrübes Bier den Fremden entgegen. Wieder und wieder grüßt er mit einem lautstarken “Servus”. Und jedes Mal grüßen die Buddhisten zurück. Ein Amerikaner, ein Chilene und ein Mexikaner lassen sich die Gelegenheit nicht entgehen und posieren sofort für ein Foto mit dem Original aus Immenstadt.
Noch ist Riesenegger Katholik. Aber so, wie er redet, ist man sich nicht sicher, wie lange noch. Die Meditationsbewegung aus dem Fernen Osten steckt auch ihn irgendwie an. Im Westen ist der Buddhismus schon vor Jahrzehnten angekommen und weiter auf Expansionskurs. Hunderte Zentren sind in Deutschland seit den 70er Jahren aus dem Boden geschossen, eine Million Bundesbürger sympathisieren mit der Religion, auf 100 000 wird die Zahl der aktiv Praktizierenden mittlerweile geschätzt. Weltweit sind es eine Milliarde.
Dass der Buddhismus mehr als eine Mode ist, das lässt sich momentan besonders gut im Landkreis Oberallgäu beobachten. Die Stiftung Diamantweg hat dort vor zwei Jahren ein 50 Hektar großes Gelände in malerische Voralpenkulisse gekauft und das “Europa-Zentrum” aufgebaut. Riesenegger ist hier, um das größte jährliche Buddhisten-Treffen des Landes mit 3000 Teilnehmern aus 57 Nationen mit einzuläuten. Dazu holt er tief Luft, setzt an und bläst kraftvoll in sein Alphorn. “Es ist uns ein Anliegen, die Traditionen zusammenzubringen”, sagt Karola Schneider-Waldner vom Organisationsteam. Also blasen die Immenstädter Jagd- und Alphornbläser zu Ehren des jungen Mannes in den roten Roben, der – flankiert von hunderten Anhängern – gerade den Weg zum Meditationszelt hinaufschreitet. Kinder schenken “Seiner Heiligkeit” Blumen, die Eltern halten die feierliche Szene mit der Handykamera fest. Am Ende des Weges empfangen Riesenegger und seine Kollegen Eddie und Reinhold von den Immenstädter Alphornbläsern den Exiltibeter. Als Dank dafür bekommt jeder von ihnen den weißen tibetischen Schal Kathag vom Karmapa, dem spirituellen Oberhaupt, umgehängt.
Nur die Jagdtrophäen wurden abgehängt und durch Buddhas ersetzt
Die Buddhisten schreiben Völkerverständigung hier im Oberallgäu groß. Vielleicht gab es deswegen nur kleine Querelen um den neuen Stützpunkt mitten im Landschaftsschutzgebiet auf dem ehemaligen Gut Hochreute. Ganze zehn Jahre hat die größte tibetische Schule in Deutschland, die sich Karma-Kagyü nennt, nach einem geeigneten Flecken Erde gesucht, um ihr internationales Begegnungszentrum zu verwirklichen. 50 potenzielle Standorte zwischen Rheinland und Alpenvorland wurden unter die Lupe genommen, doch nie kam es zum Kauf. Bis die Buddhisten auf die denkmalgeschützte Jugendstil-Villa gestoßen sind, die ein Spross der Augsburger Textil-Dynastie Martini 1911 als Selbstversorgergut errichten ließ. Den Kaufpreis von 4,4 Millionen Euro hatte die Stiftung in drei Monaten zusammen, erzählt die Vorsitzende Caty Hartung. Die zusätzlichen 1,6 Millionen für die Infrastruktur waren auch kein Problem. Das denkmalgeschützte Ensemble samt Stallungen wird von den neuen Eigentümern in liebevoller Kleinarbeit saniert. Alles bleibt beim Alten – nur die Jagdtrophäen wurden abgehängt und durch Buddha-Statuen ersetzt.
Denkt man an die hitzigen Debatten um die Sendlinger Moschee oder an Köln, nehmen sich die Beschwerden des Bauern, der seit 30 Jahren einen Pachtvertrag hatte, und die Bedenken der Naturschützer als vergleichsweise winziges Störfeuer für das Mammutprojekt aus. An den Stammtischen unten im Tal überwiegt ohnehin das ökonomische Argument. Das kennt auch der Alphornbläser Riesenegger: “Wir profitieren ja alle. Die Bäcker, die Metzger, die Hotellerie.”
Aber von was eigentlich? Verbreitet ist das Bild des Buddhismus als Wohlfühlreligion, Meditation wird häufig als reine Entspannung verstanden. Kein Wunder, schließlich machen die überwiegend jungen Leute im Sommercamp einen überaus fidelen Eindruck. Das ist auch Riesenegger nicht entgangen, und die beständige Fröhlichkeit der Sangha, der Buddhisten-Community, ist sicher ein Grund für die Popularität der Religion. Gerade die Karma-Kagyü-Schule ist berühmt-berüchtigt für ihre Partyfreudigkeit. Nach getaner Meditation trifft sich das Jungvolk im Essenszelt und tanzt zu Lady Gaga, Michael Jackson oder Velvet Underground. Ganzkörpertattoos und Piercings sind verbreitet. Hier macht jeder, was er will. Und das eherenamtliche 50-köpfige Küchenteam mit hunderten Helfern legt am liebsten Heavy Metal auf – damit lassen sich die 3000 Portionen Hühnergeschnetzeltes binnen einer Stunde offenbar gelassener zubereiten.
Erst auf den zweiten Blick lässt sich die sinnsuchende Masse, die sich hier oben auf 24 000 Quadratmetern Wiese mit einem Meer von Zelten breit gemacht hat, von der typischen Rockfestival-Klientel unterscheiden. Wer genauer hinschaut, sieht überall Malas. Die Gebetsketten mit 108 Perlen sind eine Art Zählmaschine für die unendlichen Wiederholungen der Mantras.
“In Wirklichkeit ist Meditation harte Arbeit”, sagt Andre Kordos. Der 26-Jährige nimmt an den angeleiteten Powa-Sitzungen teil. Zusammen mit den anderen Kursteilnehmern sitzt er drei mal drei Stunden am Tag über fünf Tage hinweg still. “Da schlafen einem immer wieder die Füße ein”, weiß er aus Erfahrung. Keine leichte Übung, diese Meditation des bewussten Sterbens. “Aber sie ist es wert”, versichert der Slowake. Wie überhaupt der Buddhismus “eine der wenigen Sachen” sei, “die wirklich Sinn machen”. Die 29-jährige Katrine Zacho neben ihm ist aus Dänemark angereist und beschreibt die Sitzungen als “tough. It’s like sport. You go to your own limit.”
Bei der Grenzüberschreitung steht ihr der Karmapa zur Seite, der weniger bekannt ist als der Dalai Lama, aber in Deutschland weitaus mehr Anhänger hat. Wie der Dalai Lama hat auch er vor Jahren seine Heimat verlassen und lebt seitdem in Nordindien. Die Linie seiner Wiedergeburten lässt sich lückenlos bis ins 11. Jahrhundert zurückverfolgen. Mittlerweile verbringt der 26-Jährige viel Zeit im Westen und reist vor allem immer häufiger durch Osteuropa, um die neuen Kagyü-Zentren zu besuchen. Ewas ein Drittel der Gäste sind aus Tschechien, Bulgarien, Ungarn, Rumänien, Polen und Russland ins Allgäu gekommen. Riesenegger bescheinigt dem neuen internationalen Religionsangebot in seiner alten Heimat, “eine Bereicherung” zu sein, bevor er sein Alphorn zusammenpackt und wieder ins Tal fährt.
Für den Karmapa hat die Arbeit begonnen. Er sitzt stundenlang auf der Bühne im Meditationszelt und segnet jeden Einzelnen mit rituellen Gegenständen. Per Livestram verfolgen zusätzlich Zehntausende, so heißt es, die uralten tibetischen Zeremonien im Internet.
Das junge Oberhaupt, das hoch erhoben auf seinem knallbunt geschmückten Thron gelegentlich scherzt, macht seinen Anhängern Mut. Die Stimme ist trotz der gigantischen Lautsprecheranlage im Meditationszelt leise. Die Worte dagegen groß. “You can overcome anything”, ermutigt er die Masse vor sich im Schneidersitz. “Ihr könnt alle Hindernisse überwinden.” Das Ziel ist klar: Es heißt Erleuchtung.
Buddhismus
- Der Buddhismus kommt ursprünglich aus Indien und geht auf die Lehren des Siddharta Gautama (ca. 560-480 v. Chr.), des histrorischen Buddha (= Erwachter) zurück.
- Nach dessen Lehre ist jedes Lebewesen einem Kreislauf von Geburt und Wiedergeburt unterworfen. Ziel ist es, durch ethisches Verhalten und “Versenkung” (Meditation) aus diesem Kreislauf herauszutreten.
Photos: dpa/Volker Linder
Geschrieben am 8. August 2009.







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