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16. August 2009

Evangelisches Sonntagsblatt, 16. August 2009

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3000 Buddhisten meditieren im Allgäu – Warum sind Deutsche fasziniert von Buddha?

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Der Buddhismus entfaltet in Deutschland seit einigen Jahren eine große Anziehungskraft. Rund 3000 Buddhisten aus 57 Ländern meditieren derzeit im Allgäu beim Internationalen Sommerkurs des Buddhistischen Dachverbands »Diamontweg« (BDD). Dabei soll ein Kraftfeld von »Liebe und Mitgefühl« entstehen.



In Deutschland praktizieren etwa 100 000 Bundesbürger den buddhistischen Glauben, dazu kommen noch weitere 100 000 Einwanderer aus Asien. Während in Ländern des Fernen Ostens der christliche Glaube an Attraktivität gewinnt, nimmt in Deutschland die Offenheit für den Buddhismus und für fernöstliche Kulte zu.

Volker Panten, ein 41-jähriger Ingenieur, ist seit acht Jahren Buddhist. Vorher hat er Yoga gemacht und sich dann immer mehr mit dem Buddhismus auseinandergesetzt. 
»Für mich ist das der Weg in die Freiheit«, sagt er. Im Alltag versucht er, täglich etwa 30 Minuten zu meditieren und sich im Mitgefühl seiner Mitmenschen gegenüber zu üben.

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»Kraftfeld von Liebe und Mitgefühl«: Was macht die Faszination des Buddhismus aus? Teilnehmer des Sommerlagers im Allgäu.   Foto: pa

3000 Buddhisten meditieren im Allgäu – Warum sind Deutsche fasziniert von Buddha?

Von Sebastian Müller

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Der Buddhismus entfaltet in Deutschland seit einigen Jahren eine große Anziehungskraft. Rund 3000 Buddhisten aus 57 Ländern meditieren derzeit im Allgäu beim Internationalen Sommerkurs des Buddhistischen Dachverbands »Diamontweg« (BDD). Dabei soll ein Kraftfeld von »Liebe und Mitgefühl« entstehen.

Die Sonne steht schon hoch über dem Allgäuer Alpsee, während die rot-blaue Fahne Tibets locker am Mast weht. Der Zeltplatz hier oben auf dem 50 Hektar großen Gelände des Guts Hochreute auf 850 Metern über dem Meeresspiegel ist fast menschenleer. Einige Meter weiter, im riesigen Meditationszelt, wird einem klar warum: Der buddhistische Lehrer Lama Ole Nydahl hat mit seinem Vortrag über das »bewusste Sterben« begonnen; das Meditationszelt ist gut gefüllt. Am Eingang muss man die Schuhe ausziehen und kann dann auf dem Boden Platz nehmen.

Die meisten Zuhörer haben es sich auf Decken, Matten oder Stoff-Hockern bequem gemacht. Viele sitzen konzentriert da, manche haben die Augen geschlossen. Eine Frau wiegt ihr Baby im Arm. Zwei Buben bearbeiten mit Filzstiften ihr Malbuch. Ziel des Sommerkurses ist, alles Leid hinter sich zu lassen, einen Zustand von Glück zu erlangen, der nicht wieder verschwindet, und sich auf den Tod vorzubereiten. Lernen kann man dies, so die Auffassung der Teilnehmer, in intensiven Meditationskursen. Zudem ist es nach dieser Lehre möglich, andere Menschen beim Sterben besser zu begleiten.

Rund 3000 Buddhisten aus 57 Ländern wollen im Allgäu beim Internationalen Sommerkurs des Buddhistischen Dachverbands Diamantweg (BDD) die buddhistische Lehre vertiefen. 72 Stunden lang soll dabei die »Chenrezing«-Meditation (»Liebevolle Augen«) dauern. Neben den 3000 Teilnehmern in Immenstadt schließen sich Buddhisten aus vielen der weltweit rund 550 Diamantweg-Zentren der Meditation an. Entstehen soll dabei ein Kraftfeld von »Liebe und Mitgefühl«. Das Camp endet an diesem Sonntag, 16. August.

Die meisten Teilnehmer folgen der buddhistischen »Karma-Kagyü-Linie«. Sie zählt zu den drei ältesten tibetisch-buddhistischen Schulen. Der Ursprung liegt bei Buddha (560-480 v. Chr.), danach wurde die Linie in Indien durch Meditationsmeister weitergegeben. Heute ist die Karma-Kagyü-Linie die in Europa am häufigsten anzutreffende Schule, der es vor allem darum geht, die Erleuchtung zu finden und den Geist als »klares Licht« zu erkennen. Der 17. Karmapa Thaye Dorje (26) hatte dem Somemrcamp einen Besuch abgestattet und eine Meditation geleitet. Der in Nordindien lebende Exiltibeter ist der höchste geistliche Würdenträger der tibetischen Karma-Kagyü-Tradition, etwa vergleichbar mit dem Papst für katholische Gläubige. Auf dem Gut Hochreute über dem Großen Alpsee bei Immenstadt im Allgäu befindet sich seit Mai 2007 das Europa-Zentrum, dessen Eigentümer die Buddhismus-Stiftung Diamantweg ist.

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 Das große Meditationszelt fasst bis zu 3000 Gläubige. Fotos: Müller

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Laut BDD gibt es weltweit rund 800 Millionen Buddhisten. In Deutschland praktizieren etwa 100 000 Bundesbürger diesen Glauben, dazu kommen noch weitere 100 000 Einwanderer aus Asien. Die Zahlen sind jedoch geschätzt; eine buddhistische Körperschaft öffentlichen Rechts gibt es in Deutschland nicht.

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 Der dänische Lama Ole Nydahl.

Nach dem Vortrag von Lama Ole Nydahl bleibt eine junge Frau in einer der vorderen Reihen noch sitzen und meditiert. Hania Lubek ist extra aus Warschau angereist, um an diesem Camp teilzunehmen. In der Hand hält die 32-jährige eine Gebetskette (»Mala«). Im Alltag versucht sie zu meditieren, Wut zu vermeiden und Freunden im Geiste »gute Wünsche« zu schicken. »Wir organisieren in Warschau jede Woche eine Meditation, da sind immer mehr als 100 Leute dabei«, sagt die Polin. »Für mich ist der Buddhismus der richtige Weg, weil ich meinen Geist öffnen will. Ich untersuche oft meine Gedanken, auch in unerfreulichen Situationen, versuche, mir derer klar zu werden, und arbeite daran, Mitgefühl für meine Mitmenschen zu entwickeln.«

Zudem gebe es in dem Warschauer Buddhisten-Zentrum keine Hierarchie, das sei für viele junge Polen nach der Überwindung des Sozialismus sehr attraktiv. Hania Lubek meditiert auch im Alltag fast jeden Tag. Sie arbeitet als buddhistische Therapeutin und gibt dabei unter anderem »Jivaka«-Massagen, die Massage des Leibarztes von Buddha.

Während im Meditationszelt der Vortrag über »bewusstes Sterben« weitergeht, sonnt sich eine blonde Frau vor ihrem Zelt. Ihr Sohn sucht derweil mit einem anderen Kind nach Grashüpfern. »Ich kenne das Phowa schon, und ich weiß, dass es funktioniert, außerdem muss ich auf den Kleinen aufpassen – der geht schließlich vor.«

Suche nach religiöser Heimat

Stefanie Hövel (45) aus Frankfurt fand vor rund 20 Jahren zum Buddhismus. »Schon mit 14 Jahren habe ich völlig verzweifelt nach einer religiösen Heimat gesucht«, sagt sie. Diese fand sie schließlich über einen Bekannten, mit dem sie gemeinsam in Frankfurt ein buddhistisches Zentrum eröffnete. »Ich meditiere jeden Tag mindestens eine halbe Stunde, teilweise sogar bis zu einenhalb Stunden«, sagt die Jazz-Pianistin und -Sängerin. Ihr Sohn Nils (4) ist auch mit beim Sommercamp dabei. »Momentan wächst Nils mit den Informationen auf, er wird quasi in den Buddhismus reingeboren, aber entscheiden soll er sich später selbst.«

Ein paar Meter weiter entfernt sucht sich gerade Volker Panten (41) aus Darmstadt einen Zeltplatz. Er ist schwer bepackt mit Rucksack, Isomatte und Zelt. »Urlaub ist das hier nicht«, sagt er und lacht. Im Buddhismus findet er ein »stimmiges Konzept«. Vorher habe er Yoga gemacht und sich dann immer mehr mit dem Buddhismus auseinandergesetzt. »Für mich ist das seit acht Jahren der Weg in die Freiheit«, sagt der Ingenieur. Im Alltag versucht Volker Panten, täglich etwa 30 Minuten zu meditieren und sich im Mitgefühl seiner Mitmenschen gegenüber zu üben.

Die anderen Teilnehmer stehen schon längst am riesigen Küchenzelt an. Salat, Geschnetzeltes und Reis wandern in Camping-Teller, aus der Großküche dröhnen Samba-Rhythmen nach draußen. Täglich werden hier bis zu 3000 Menschen mit Frühstück, Mittagessen und Abendessen versorgt. Alle Helfer arbeiten ehrenamtlich mit.

Eine gelöste, friedliche Stimmung macht sich rund um das riesige weiße Essenszelt breit. Wer hier verschwurbelte Gurus in roten Gewändern erwartet, der wird enttäuscht – alle sind sommerlich-luftig gekleidet; arglose Wanderer würden erst beim ganz genauen Hinsehen bemerken, dass hier Buddhisten campieren. Familien mit kleinen Kindern, viele junge Leute zwischen 25 und 40 essen nun gemeinsam zu Mittag und genießen den atemberaubenden Blick auf den Alpsee und fühlen die Sonne, die jetzt noch höher steht.

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 Ein goldener Buddha des »grenzenlosen Lichts«.

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Volker Panten (41) ist seit acht Jahren Buddhist.

 

Kommentar (Kasten)

ES IST KURIOS: In Ländern des Fernen Ostens wird der christliche Glaube als attraktiv empfunden, vor allem junge Leute, die ihre Bindung an die dort traditionellen Religionen verloren haben oder nie diese Wurzeln gehabt haben, interessieren sich nun für Jesus.

IN DEUTSCHLAND DAGEGEN herrscht in weiten Kreisen ein Desinteresse an der christlichen Tradition, aber Offenheit für Buddhismus und fernöstliche Kulte. Der Dalai Lama steht in einer Reihe mit Gandhi und Mutter Theresa. Egal, wer bei uns Bischof oder Ratsvorsitzender wird, diesen Status wird er nie erreichen.

DER BUDDHISM WIRD oberflächlich positiv gesehen, das Christentum dient als Negativfolie: Hier der Schmerzensmann am Kreuz, dort der sanft lächelnde Buddha. Hier wird von der Gottessohnschaft Jesu bis zur Auferstehung alles infrage gestellt, dort wird ein Mensch als Gott verehrt und archaische Mythen unkritisch akzeptiert.

EINE AUSEINANDERSETZUNG mit dem Buddhismus tut Not. Genauso wichtig ist die Erinnerung daran, was der christliche Glaube bedeutet.

Helmut Frank

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Geschrieben am 16. August 2009.