Rede Caty Hartung

Entwicklung Gebäude und Gelände | Rede Caty Hartung

Rede von Stiftungsvorstand Caty Hartung am Tag der offenen Tür 2011 auf Gut Hochreute

 

Caty Rede TdoTLiebe Immenstädter, liebe Freunde,

wir freuen uns, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind, um mit uns zusammen das Bestehen von Gut Hochreute seit nunmehr 100 Jahren zu feiern.

Wir können natürlich nur einen klitzekleinen Ausschnitt dieser vielen Jahre zeigen, der aus Dingen besteht, die wir hier vor 4 Jahren vorgefunden haben. Die Familie Martini und Herz kennt die Geschichten und kann heute leider nicht hier sein, um sie mit uns zu teilen. Dennoch wollen wir mit Ihnen zusammen feiern, denn 100 Jahre strahlt Gut Hochreute nun schon auf Immenstadt und wir dachten, es sei eine gute Gelegenheit sich der Wurzeln dieser kraftvollen Stelle mit Ihnen allen zusammen zu erinnern.

Immer wieder gibt es das Bedürfnis hinter die Tore von Gut Hochreute zu schauen, 96 Jahre war das nicht möglich. Nur wenige waren – durch Arbeit oder Freundschaften – mit der Familie so verbunden, dass sie leicht ein und ausgingen. Für viele blieb nur der Blick nach oben, als das erste elektrische Licht auf Immenstadt schien und die Träume der jungen Damen, die alle ihre Prinzen in diesem Märchenschloss vermuteten.

Nach dem Kauf durch die Buddhismus Stiftung sollte das anders werden. Unsere jährlichen Kulturprogramme, die Statuenausstellungen und unsere Sommermatinees, die Nachbarschaftstage, unzählige Hausführungen und die Tage der offenen Tür sind Ausdruck unserer Dankbarkeit der Stadt Immenstadt und seinen Menschen gegenüber, die uns sehr offen und freundlich empfangen haben. Wir sind uns der Schönheit und Bedeutung dieser Stelle für Immenstadt bewusst und möchten Ihnen immer wieder Gelegenheiten bieten, außerhalb des buddhistischen Programms zu uns zu kommen. Unsere 100-Jahr-Feier heute ist eine dieser Gelegenheiten und es freut uns sehr, dass Sie so zahlreich erschienen sind.

Wie viele von Ihnen wissen haben wir von Anfang an offen über unser Bauvorhaben mit der Stadt und Ihnen kommuniziert. Die Ausstellung im kleinen Häuschen an der Straßenbiegung war deshalb auch das erste was wir errichteten. Jeder der mochte, sollte wissen wer wir sind und über unsere Pläne Bescheid wissen.

Leider haben wir offensichtlich nicht genügend erklärt – oder zuviel? Vor einer Woche erhielten wir die Nachricht von der Stadt, dass 10 Bürger eine Popularklage gegen die Stadtverwaltung eingereicht haben, die uns die Änderung des Bebauungsplans für den Neubau des Wohn,- und Gästehauses zu Beginn des Jahres genehmigt hatte. Dies ist eine ganz neue Entwicklung und wir werden sehen, was der Ausgang sein wird. Sicher wird in diesem Zuge, so wie auch schon letzte Woche, viel in der Presse geschrieben und geredet werden. Buddhisten mögen das nicht, wollen aber in jeder Situation auch immer etwas Positives sehen. Wir haben zumindest daraus gelernt, dass offensichtlich noch mehr Information vonnöten ist. Also fange ich direkt einmal damit an. Der heutige Tag war zwar nicht so geplant, aber wir hoffen, dass wir durch mehr Austausch vielleicht ein wenig Klarheit in die Lage bringen.

Wie kam es also zu dem allen?

Um unseren Seminarbetrieb überhaupt sinnvoll betreiben zu können, war von Anfang an ein Erweiterungsbau geplant. Auch um die denkmalgeschützten Gebäude zu entlasten und schonend zu nutzen. Zu viel Betrieb tut den alten Gebäuden und insbesondere der Villa – unserem Jugendstiljuwel – einfach nicht gut.

Ursprünglich war der Neubau für eine Meditationshalle geplant und auch genehmigt worden, der hier an der Hofmauer gelegen und weithin bis in das Tal sichtbar gewesen wäre. Die Wohn und Gästeräume wollten wir in der Scheune unterbringen. 
Nachdem wir zwei Jahre lang hier gewohnt und das Gelände mit den schönen Bauten im Leben tagtäglich erfahren hatten, erschien uns dieser Plan nicht mehr als passend. Auch war die Scheune als Wohnhaus nicht wirklich geeignet, zu große Umbaumaßnahmen hätte das denkmalgeschützte Gebäude erfahren müssen um adäquaten Wohnraum zu schaffen. Auch hatten wir bemerkt, dass wir den Neubau und Scheunenausbau sicher nicht in Eigenleistung vollbringen konnten.

Caty Rede TdoTAlso beauftragten wir 3 Architekturbüros uns mögliche Entwürfe in unserem Baufenster für ein Wohn- und Gästehaus zu erstellen. Die Architekten Helmut Dietrich – mehrfach in Österreich als „beste Architekten“ ausgezeichnet – und Professor Roland Gnaiger – einer der prominentesten Vertreter der sogenannten „Bregenzer Schule“ – kamen mit einer komplett neuen Vision.
Wir wussten sofort warum sich diese Architekten einen Namen gemacht hatten. Sie hatten unser Projekt nicht nur verstanden, sondern sich feinfühlig mit dem alten Bestand und der Landschaft beschäftigt. Ihre Lösung sollte nicht im genehmigten Baufenster entstehen. Nein – viel dezenter im Hintergrund, eine Verlängerung des Berghangs mit grünen Dächern bilden, so dass die neuen Gebäude weder von unserem Hof, in dem Sie gerade stehen, noch von der gegenüberliegenden Seeseite und von den Wanderwegen oberhalb unseres Gutes zu sehen sein würden. Der neue Bau ginge mehr in die Breite als in die Höhe. Die nutzbaren Quadratmeterzahlen blieben jedoch gleich.

Den Architekten gelang es, den Neubau so in der Landschaft zu platzieren, dass die prägende Erscheinung der 100 Jahre alten denkmalgeschützten Gutsanlage nicht nur dauerhaft erhalten, sondern durch die Einrahmung der neuen Gebäude noch betont wird. Der vorgestellte neue Entwurf begeisterte alle Beteiligten so sehr, dass wir sofort in der nächsten Woche die Stadt aufsuchten und ihnen die verschiedenen Modelle, die Sie auch heute in der Scheune sehen können, mitbrachten. Wir mussten wissen, ob wir das Baufenster zu Gunsten des neuen Entwurfs verschieben konnten. Da die gefundene Lösung offensichtlich so viel besser war, schien es der Stadt kein Problem darzustellen. Und so stellten wir auch bald bei einer Bürgerversammlung in Bühl die neue Vision vor. Danach begannen wir den Prozess das Baufenster zu verlegen und engagierten das Büro Dietrich/Untertrifaller das neue Gebäude im Detail zu entwerfen und für uns im nächsten Frühjahr zu bauen.

Da wir seit dem ersten Jahr Schwierigkeiten mit dem Ortsgruppenleiter des BUND Naturschutz – Herrn Grebenstein – hatten, die wir leider trotz zahlreicher, stundenlanger Gespräche bis heute nicht aus dem Weg räumen konnten, und uns die Landschaft und der Erholungswert des Geländes von Gut Hochreute so wichtig sind, beauftragten wir zusätzlich einen lokalen Landschaftsarchitekten. Die Landschaftsplanung ist sorgfältig auf eine langfristige ökologische und landschaftliche Aufwertung ausgerichtet, die jeder Besucher hier erleben können soll.

Wenn Sie genaueres zu dem zusätzlichen Wohn und Gästehaus, dem Ausbau der Scheune und der Planung des Geländes wissen möchten, dann fragen Sie heute einfach Herrn Philip Leube, Kai Burmeister oder mich. Wir erklären es Ihnen gerne.

Wir sind ehrlich gesagt noch ein wenig schockiert und müssen jetzt abwarten, was die Auswirkungen auf das Europa Zentrum – unserem Herzstück unserer mehr als 600 Zentren weltweit – sind, das wir seit 2007 mit sehr viel Elan und Freude ehrenamtlich aufbauen. Viele Menschen aus der ganzen Welt kommen hier in den Genuss wertvoller buddhistischer Belehrungen zur Natur ihres Geistes, sie erlernen Mittel um glücklicher zu leben und bewusst zu Sterben. Wir hoffen sehr, dass das auch zukünftig weiter in so fried- und freudvoller Atmosphäre möglich ist – sprich, dass das Gerichtsverfahren keine Auswirkungen haben wird.

Wir hätten Gut Hochreute ohne den möglichen Anbau nie gekauft. Die Baugenehmigung war die entscheidende Voraussetzung, da wir wussten, dass für unsere Pläne mehr Wohnraum notwendig ist. Unser Gut ist ehrenamtlich geführt und braucht für den Betrieb und Erhalt eine gewisse Anzahl von Menschen, damit Sie auch morgen noch auf dieses schöne Anwesen schauen können. Wir möchten Ihnen hiermit noch einmal versichern, dass wir uns mit sehr viel Liebe und Aufmerksamkeit um die Gebäude und Landschaft in dieser atemberaubenden Umgebung kümmern und das wir alles tun werden, um dieses Naturerlebnis zu erhalten.

Wir sind in Immenstadt von Anfang an sehr gut aufgenommen worden. Wir sind ein Teil dieser Stadt geworden, bringen viele internationale Gästen in die Stadt und wir fühlen uns hier Zuhause. Genießen Sie den schönen Tag, das gute Wetter und Essen, wir führen sie gerne durch die verschiedenen Ausstellungen. In den Garagen haben wir einen kleinen historischen Einblick für sie vorbereitet. Wir haben alte Photos für sie vergrößert von der damaligen Bauphase, die die Pläne des Bauherrn Martini sehr schön illustrieren. Herr Werner Martini war ein richtiger Visionär, der seinen Jagdsitz für seine große Familie und seinen umfangreichen Freundeskreis errichtete und es herrschte offensichtlich ähnlich wie heute, ein reges Leben hier oben. Schon häufiger hatten wir das Gefühl, dass die Räume in der Villa wie für uns gemacht sind. Wir zeigen außerdem einen kleinen Ausschnitt des Wohnens und der Freizeitaktivitäten der Familie. Ein Stammbaum, den wir in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv erstellt haben, erhellt die Familienbande.

Ausstellung 100-Jahr-FeierEin trauriges, doch für uns das beeindruckendste Fundstück von Gut Hochreute war der Frontrucksack des Bruders von Anneliese Herz. Er war offensichtlich, bis wir ihn 2008 fanden, ungeöffnet und enthielt die letzten persönlichen Dinge des gefallenen Soldaten.

Viele Schriftstücke zeigen die liebevollen Verbindungen und die Art und Weise wie man damals miteinander kommunizierte. Wir freuen uns Ihnen diese Gegenstände zu zeigen, es sind alles Originale, die wir über die Jahre wie verborgene Schätze in den alten Gemäuern finden durften. In der Scheune können sie unsere zukünftigen Pläne finden und in der Villa wie das Leben auf Gut Hochreute heute aussieht. Wir freuen uns über ihren Besuch und wie immer gibt es Kaffee und selbstgebackenen Kuchen, diesmal nicht aus Dänemark sondern aus dem Allgäu.

Bitte stellen Sie all ihre Fragen und genießen  sie den Tag der offenen Tür. Ich wünsche Ihnen allen einen wunderschönen Tag und viel Freude.